Unterscheidung der Geister für ein christliches Leben in Vollmacht

Dr. Willibald Sandler

Wir freuen uns über die Führung und Begleitung von Dr. +Willibald Sandler, Theologie-Professor an der Uni Innsbruck und Mitarbeiter im Leitungsteam der CE Innsbruck.

1. Unterscheidung der Geister
„Liebe Brüder, traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind, denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgezogen.“
(1 Joh 4,1)
Die Bibel fordert uns auf, die Geister zu unterscheiden, vor allem dann, wenn Menschen prophetisch reden, das heißt, wenn sie nicht bloß für alle nachvollziehbar aus Vernunft und Erfahrung argumentieren, sondern sich dabei inneren Bewegungen überlassen. Diese können von Gott kommen und dem Gesprochenen so eine außerordentliche Kraft und Aktualität verleihen. Es stiftet Frieden und Orientierung und baut die Gemeinde auf. Es gibt aber auch eindrucksvolle Dynamiken, die nicht dem Geist Gottes entsprechen. Sie sind maßlos wie ein Krebsgeschwür und bauen den Leib Christi nicht auf, sondern zerstören ihn. Die Bibel spricht hier z.B. vom Geist des Antichrist (1 Joh 4,3). Und dann gibt es auch die eigene Vitalität des Sprechenden, die im von ihm Gesagten durchschlägt, – zum Guten oder zum Schlechten. Diese drei Quellen – von oben, von unten, von innen – sind oft miteinander vermischt. Und so ist es von höchster Bedeutung, die Geister zu unterscheiden.

Schon im Alten Testament gab es falsche Propheten (vgl. den Konflikt in Jer 28). Neutestamentlich ist die Problematik verschärft, weil Gottes Geist sich über alle Menschen ausgießen will. „Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, und eure Alten werden Träume haben.“ (Apg 2,17, nach Joel 3,7) In der Pfingstpredigt macht Petrus deutlich, dass diese Verheißung für die Endzeit jetzt am Beginnen ist. Und Paulus verlangt von den ohnehin schon charismatisch begeisterten Korinthern, der prophetischen Rede noch mehr Raum zu geben – alle sollen prophetisch reden können! (1 Kor 14,24) – aber in einer geordneten Weise und verbunden mit der Unterscheidung der Geister:
„Auch zwei oder drei Propheten sollen zu Wort kommen; die anderen sollen urteilen.“
(1 Kor 14,29)
Also auch die Unterscheidung der Geister ist eine Aufgabe, die nicht nur von Gemeindeleitern, Lehrern oder speziell Begabten ausgeführt werden soll, sondern grundsätzlich von jedem. Obwohl sie ein Charisma, also eine unverfügbare Geistesgabe ist (1 Kor 12,10), die Gott zum Nutzen der Gemeinde (1 Kor 12,7) bestimmten Menschen zu bestimmten Zeiten in einer besonderen Weise gibt. Das ist kein Widerspruch. Alle Christen haben – zumindest idealerweise – den Heiligen Geist empfangen und lassen sich von Ihm, der in ihnen wohnt und wirkt, leiten. Wie auch andere Charismen ist die Unterscheidung der Geister eine charismatische Grundgabe, die jedem von uns verheißen ist, auch wenn sie in bestimmten Situationen für bestimmte Menschen in einer besonderen Weise entfacht werden kann, – zum Nutzen aller.

Deshalb ist die Unterscheidung der Geister auch eine Gabe, die für jede Situation wichtig ist, wo Menschen sich vom Heiligen Geist leiten lassen, nicht nur, wenn jemand ausdrücklich prophetisch spricht; und nicht nur in Bezug auf andere, sondern auch für uns selber.


2. Christliches Leben in Vollmacht

Jeder Mensch ist von Gott dazu geschaffen und berufen, verbunden mit Ihm und aus Seiner Vollmacht zu leben. Was das bedeutet, wird nirgends so sichtbar wie an Jesus Christus. Auch wenn er zugleich als Gottessohn „wahrer Gott“ ist, hat er die damit gegebene naturhaft-göttliche Vollmacht abgelegt und wurde „wie ein Sklave und den Menschen gleich“ (Phil 2,7). Dennoch wirkte und lehrte er „wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat“ (Mk 1,22). Diese Vollmacht war durchwegs daran gebunden, dass er sich „wie ein Knecht“ (wörtlich in Phil 2,7) in allem ganz von Gottes Willen leiten ließ. „Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht“ (Joh 5,17) und zwar vermittelt durch den Heiligen Geist, der ihn führte. Unüberbietbare Vollmacht verbindet sich bei Jesus mit tiefer Demut und Dienstbereitschaft.

Und weil das für Jesus als wahrem Menschen gilt, ist das ein Weg, der auch für uns in der Nachfolge Jesu offen steht. Geschaffen als Gottes Ebenbild haben wir durch die Sünde (eine tief verwurzelte Sündenverstrickung) diese Herrlichkeit verloren, und durch die Menschwerdung, den Kreuzestod und die Auferstehung Jesu ist uns diese Herrlichkeit neu zugänglich geworden. In Christus ist auch jeder von uns Gottes Ebenbild: in einer Vollmacht, die darin gründet, dass wir das was wir tun, mit Gott tun und niemals ohne ihn Wieder und wieder haben wir die Wahl:

Wenn wir dort sind, wohin Gott uns im Heiligen Geist ruft, dann werden unsere Bemühungen durch Gottes Macht potenziert. „Gebt ihr ihnen zu essen“ (Mk 6,37) – und aus fünf Broten und zwei Fischen wird genug, um tausend Menschen satt zu machen. Jesus hat uns verheißen:
„Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen“
(Joh 14,12).
Dieser Satz ist gültig! Aber er gilt nur, wenn wir die Voraussetzungen erfüllen, die Jesus nennt: „Wer an mich glaubt ...“ An Jesus glauben, heißt: die ganze eigene Existenz auf die Wirklichkeit Jesu setzen. Es bedeutet, alles gering zu achten, was nicht Er ist:

Wirklich an Ihn zu glauben, bedeutet, dass es mir egal ist, was ich verliere oder gewinne. Denn was ich habe, ist Jesus und seine Verheißung – ein Schatz, der durch nichts anderes überbietbar ist, und den Wurm und Motte nicht zerstören und Diebe nicht stehlen können (Mt 6,19).

Und wirklich an Ihn zu glauben, bedeutet, dass ich nichts zu verbergen und niemandem etwas zu beweisen habe, denn alles was ich bin, bin ich in Christus – unüberbietbar und unverlierbar. So steht alles, was ich bin und habe, jederzeit für Ihn zur Verfügung, egal ob es mein Leben ist, oder mein Vermögen, oder fünf Brote und zwei Fische, – wenn das alles ist, was ich habe. Wenn ich es gemäß Seinem Willen einsetze, wird es reichen im Überfluss.

Wie wir es in dem Lied singen: „Alles was ich hab und alles was ich bin, alles mein Gott, leg ich vor dich hin“. Das heißt, an Jesus glauben. Es handelt sich dabei nicht um einen heroischen Akt der Selbstverleugnung, sondern um ein Handeln aus bedingungslosem Vertrauen: „Wenn ich Deinen Willen tue, dann wirst du für mich sorgen. Es wird mir an nichts mangeln“.

Wie wir von der tragischen Geschichte vom reichen Jüngling kennen, der traurig weg ging (Mk 10,22), ist ein solch rückhaltlos vertrauendes Verhalten besonders schwierig für Menschen, die viel haben und viel sind. Besitz und Geltung sind Halteseile, die uns aufzufangen versprechen, wenn Dinge schief laufen. Wirklich an Jesus zu glauben impliziert die Bereitschaft, diese Halteseile durchzuschneiden, wenn mich Gott dazu ruft. Deshalb fällt radikale Nachfolge etwas leichter für Arme, die keine Halteseile haben.
„Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater“
(Joh 14,12).
Die Erfahrung dieser Zusage – in vollmächtigen Zeichen und Wundern – ist in unseren reichen Ländern so selten, weil unsere Halteseile so stark sind und unser Glaube nicht wachsen kann. Dasselbe gilt für die zweite Bedingung, die Jesus gleich anschließend nennt:
„Alles, um was ihr in meinem Namen bittet, werde ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht wird. Wenn ihr mich um etwas in meinem Namen bittet, werde ich es tun.“
Wir können nicht im Namen Jesu um etwas bitten, wenn wir dabei etwas von dem, was wir haben und sind, in Reserve halten. Das heißt nicht, dass wir automatisch all unser Geld aufgeben und in Überarbeitung unsere Gesundheit aufs Spiel setzen, sobald uns ein Mensch, der in Not ist, um Hilfe bitbittet. Aber es heißt, dass wir Hab und Gut und sogar unser Leben verfügbar halten, um es einzusetzen, wenn er es verlangt.


3. Unterscheidung der Geister für ein christliches Leben in Vollmacht

Wie kann ich so glauben? Daraus ergeben sich zwei Teilfragen, zu denen manches zu sagen wäre, für die der erste Schritt zu einer Antwort aber jeweils derselbe ist:
Erstens: Wie bringe ich dieses bedingungslose Grundvertrauen auf Jesus zustande? Erste Antwort: Verbringe viel, viel Zeit in der Gemeinschaft mit Jesus.
Zweitens: Wenn ich dieses bedingungslose Grundvertrauen habe, wie unterscheide ich dann, was Jesus von mir im konkreten Fall wirklich fordert? Dieselbe erste Antwort: Verbringe viel, viel Zeit in Gemeinschaft mit Jesus.

Viel Zeit in Gemeinschaft mit Jesus verbringen, heißt: wie Maria, die Schwester Martas, zu Jesu Füßen sitzen, ohne auf die Uhr zu schauen. Es heißt weiters: viel zusammen sein mit Jesus in der Gemeinschaft von Menschen, die schon sehr vertraut mit Ihm sind. Ihr Gottvertrauen, ihre Glaubenskraft wird dich anstecken.
Noch konkreter: Gib Ihm den Zehent deiner Zeit! Das ist ähnlich wie beim finanziellen Zehent. Jesus verlangt von seinen Jüngern, dass sie alles, was sie haben, zur Verfügung stellen (Lk 14,33). Damit wird das alttestamentliche Gebot, ein Zehntel von seinen Einkünften zu geben, verschärft, aber nicht ersetzt. Die Bereitschaft, alles zu geben, wird schnell theoretisch. Den Zehent zu geben, ist konkret. Du kannst nicht alles geben, wenn du es nicht fertig bringst, ganz konkret den Zehnten herzugeben.

Ähnlich verhält es sich mit unserer Zeit. Ihm unsere ganze Zeit zu geben oder „allzeit zu beten“ (1 Thess 5,17; Eph 6,18) wird zum bloßen Lippenbekenntnis, wenn wir ihm nicht einen konkreten Anteil unserer Zeit exklusiv zur Verfügung stellen. Nimm den Zehent der Zeit (2,4 Stunden täglich) nicht als Gesetz, sondern als Aufruf zur Großzügigkeit eines Liebenden. Beginne klein und bitte den Heiligen Geist, das Feuer einer beglückenden Gemeinschaft mit Ihm anzufachen.

Was ergibt sich daraus für eine Unterscheidung der Geister konkret -
und zwar für die Unterscheidung jener inneren Bewegungen, mit denen Gott dich führt, in konkretem Einsatz Seinen Wegen zu folgen? Mit den Worten des Johannesevangeliums: Man lernt die Stimme des Hirten kennen und lieben (Joh 10,4).

Die Stimme des Heiligen Geistes unterscheidet sich von anderen Stimmen – „von unten“ oder allein aus der eigenen Seele – dadurch, dass sie voll Liebe und zugleich kraftvoll ist. Bei Menschen, die sich für Ihn entschieden haben, ist die Stimme des Heiligen Geistes begleitet von innerer Ruhe und Frieden. Zumal in aufregenden Situationen kann es sich hier um Nuancen handeln, die aber von Menschen, die in ruhigen Zeiten Seine Stimme kennen und lieben gelernt haben, erkannt werden.

Das gilt, wie gesagt, für Menschen, die sich für Ihn entschieden haben. Wenn es für mich zum Beispiel unvorstellbar ist, im Dienst für den Herrn mein Bankkonto anzugreifen, dann wird der Gedanke daran in mir Unruhe, Wiederwillen, Angst hervorrufen, auch wenn der Gedanke vom Herrn ist. Der Heilige Ignatius spricht von einer Haltung der Indifferenz, das heißt einer umfassenden Offenheit, die Reichtum nicht der Armut, Ruhm nicht der Schmach und Gesundheit nicht der Krankheit vorzieht, sodass für eine konkrete Frage ausschließlich zählt, ob eine Wahlalternative Gottes Willen entspricht. In einer solchen „Windstille“, wenn Ängste und Begierden gleichermaßen schweigen, bewirkt Gottes Stimme eine Stimmung, die Ignatius als Trost bezeichnet. Paulus nennt dasselbe Frucht des Geistes:
„Die Frucht des Geistes" aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“
(Gal 5,22f)
Gemeint sind hier nicht in der Mehrzahl Früchte im Sinne von konkret erfahrbaren Folgewirkungen – wie die Früchte, an denen man laut Jesus die richtigen und falschen Propheten erkennt (Mt 7,16.20), aber oft erst viel später. Paulus spricht vielmehr von der Frucht des Geistes: ein all dem Genannten gemeinsamer Geschmack, der sich spurenweise bereits in einer Entscheidungssituation zeigen kann.

Alles, was bis hierher über die Unterscheidung der Geister gesagt wurde, macht eines deutlich: Um und Auf einer rechten Unterscheidung der Geister ist der Umstand, dass Jesus Christus die Mitte von allem bildet – im Glauben an Ihn und in einem Bekenntnis, das sich mehr noch als mit Worte durch eine gelebte Entschiedenheit äußert, die Ihm gegenüber alles andere zurückstellt. In diesem Sinn ist das schärfste biblische Kriterium zur Unterscheidung der Geister zu verstehen, das uns die Bibel nennt. In direkter Fortsetzung von dem Text, mit dem wir diesen Aufsatz begonnen haben:

„Liebe Brüder, traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgezogen. Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, Jesus Christus sei im Fleisch gekommen, ist aus Gott. Und jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott. Das ist der Geist des Antichrists, über den ihr gehört habt, dass er kommt. Jetzt ist er schon in der Welt.“ (1Joh 4,2-3; vgl. 1 Kor 12,3)