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Das Jahrhundert des Heiligen Geistes

Wie der Geist wirkt - über den heiligen Geist

Ein Text von Heinrich Müller

Die von Papst Johannes XXIII später selig gesprochene italienische Ordensschwester Helena Guerra (Gründerin der "Oblatenschwestern des Heiligen Geistes" in Lucca, Italien) schrieb mit der Ermutigung ihres geistlichen Begleiters zwischen 1895 und 1903 zwölf vertrauliche Briefe an Papst Leo XIII, in denen Sie zu neuer Predigt über den Heiligen Geist aufrief und dazu, die Kirche durch eine neue Hinwendung zum Heiligen Geist zu erneuern.
Sie machte den Vorschlag, in der Katholischen Kirche weltweit eine Novene zum Heiligen Geist auszurufen. Papst Leo XIII hörte den Ruf des Herrn durch Sr. Helena, und er antwortete mit der Veröffentlichung von 'Provida Matris Caritate', in der er die gesamte Kirche bat, zwischen den Festen Christi Himmelfahrt und Pfingsten eine feierliche Novene zum Heiligen Geist zu beten.
Schwester Helena selbst begann mit der Gründung von Gebetskreisen, die sie 'Permanentes Coenaculum' (Obergemach) nannte.
Schwester Helena sprach dem Papst gegenüber ihren Wunsch aus, die gesamte Kirche im beständigen Gebet vereint zu sehen, so wie Maria und die Apostel im Obergemach vereint waren, als sie auf das Kommen des Heiligen Geistes warteten.
Sie drückte das so aus: "O, wenn doch das Gebet 'Komm, Heiliger Geist', welches die Kirche nie zu beten aufgehört hat, nur so beliebt werden würde wie das 'Gegrüßt seist du, Maria'!"
Am 1. Januar 1901 rief Papst Leo XIII mit dem bekannten Hymnus "Veni Creator Spiritus" den Heiligen Geist im Namen der ganzen Kirche auf das beginnende 20. Jahrhundert herab.


Eine erneute Geistausgießung

Genau an diesem Tag erlebte eine 18-jährige protestantische Bibelschülerin in Topeka (Texas, USA) eine "Taufe im Heiligen Geist" mit dem in der Apostelgeschichte beschriebenen Zeichen der Sprachengabe, was den Anfang einer großen Erweckung in der Kraft und mit den Gaben des Heiligen Geistes markiert.
Im höchsten von drei Türmen eines großen Hauses, in dem Pastor Charles Fox Parham und seine Schüler sich dem Gebet und dem Studium des Wortes Gottes widmeten - insbesondere bezüglich der Taufe im Hl. Geist - wurde eine Gebetswache rund um die Uhr organisiert. Vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche baten diese jungen Leute Gott, einen oder alle von ihnen im Heiligen Geist zu taufen. Ist das nicht genau so ein andauerndes Coenaculum, das der seligen Helena Guerra vorgeschwebt ist?
Genau an diesem 1. Tag des 20. Jahrhunderts, etwa um 23 Uhr, bat diese Schülerin (Agnes Ozman) Pastor Parham, ihr die Hände aufzulegen und um den Hl. Geist zu beten. Und genau das geschah dann auch! Agnes begann in Sprachen zu beten (wie die Jünger Jesu zu Pfingsten). Und andere in der Schule einschließlich Pastor Parham hatten das gleiche Erlebnis in den folgenden Tagen. Dieses Ereignis wird allgemein als der Anfang der Pfingstbewegung gesehen; Gott beantwortete das innige Gebet derer, die Tag und Nacht zu ihm riefen.

Hin zum 2. Vatikanischen Konzil

Die Reaktion unter Katholiken auf den Aufruf Papst Leos XIII zu beständigem Gebet um den Heiligen Geist war eher gering, aber Gläubige anderer Konfessionen suchten und empfingen demütig und dankbar die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Beginn dieses Jahrhunderts.
1906 gab es eine fortgesetzte Ausgießung des Heiligen Geistes in Los Angeles, die gemeinhin die 'Azusa Street Erweckung' genannt wird. Diejenigen, die diese pfingstlichen Erfahrungen hatten, wurde zumeist aus den etablierten Kirchen verdrängt. Sie fanden sich in neuen Kirchen und Konfessionen zusammen, die heute 'Pfingstkirchen' genannt werden.
Die Großkirchen blieben dieser Pfingstbewegung - der heute bei weitem größten Gruppe unter den protestantischen Kirchen - zunächst weitestgehend verschlossen.
1936 hatte Smith Wigglesworth eine Prophetie für David du Plessis:
„Es kommt eine Erweckung, von der die Welt im Moment nichts weiß. Sie wird durch die Kirchen kommen. Sie wird auf neue Weise kommen.... Es wird alles überragen, was bisher in der Geschichte erlebt wurde. Leere Kirchen, leere Kathedralen werden wieder voll von anbetenden Menschen sein. Die Gebäude werden den Massen keinen Platz bieten können. Dann wirst Du Felder von Menschen sehen, die gemeinsam anbeten und lobpreisen. Gott will Dich in dieser Erweckung gebrauchen, denn Du warst lange genug in Jerusalem. Der Herr wird Dich an die äußersten Enden der Erde senden. Wenn Du treu und demütig bist, wird Gott Dich benützen und wenn Du treu und demütig bleibst, wirst Du die großartigsten Ereignisse der Kirchengeschichte sehen.“
(1947 ist diese Prophetie wahr geworden und David du Plessis wurde als Konzilsbeobachter zum 2. Vatikanischen Konzil eingeladen. Man nannte ihn dort „Mr. Pentecost“).

Die Charismatische Erneuerung in der Katholischen Kirche

In den 50er-Jahren aber begann die Erfahrung der Taufe im Hl. Geist die etablierten Kirchen zu erfassen, bis zuletzt Mitte der 60er-Jahre auch die Katholische Kirche eine charismatische Erneuerung in ihren Reihen erfuhr. Die Taufe im Hl. Geist verbreitete sich nun auch unter Katholiken mit einer Dynamik, die Beobachter erstaunte. Und erstaunlich war auch die Offenheit, mit der die Amtsträger der Katholischen Kirche der Charismatischen Erneuerung begegneten. Ausgangspunkt für die Katholische Charismatische Erneuerung waren die vom 17. bis 19. Februar 1967 stattfindenden Einkehrtage von etwa 30 Professoren und Studenten der Duquesne-Universität (sprich: [düke:n]) in Pittsburgh (Pennsylvania, USA).
Patti Gallagher Mansfield schildert in ihrem Buch '... wie ein neues Pfingsten', wie sie in die Kapelle stolperte, um die Gemeinschaft zum Abendessen zu rufen und dabei von der Gegenwart Gottes so überwältigt wurde, dass sie zitternd zu Boden fiel.
In der Folge legten die Professoren manchen der Studenten die Hände auf, die meisten von ihnen empfingen die Taufe im Hl. Geist, einige begannen in Sprachen zu beten, andere erhielten die Gaben der Unterscheidung, der Prophetie und der Weisheit.
1969 bezeichnen die amerikanischen Bischöfe die Charismatische Erneuerung in einer ersten Stellungnahme als eine 'Bewegung, der erlaubt werden sollte, sich zu entwickeln'.
In den 70er-Jahren greift die Erneuerung auf die Kirchen Europas über.
1975, beim ersten Weltkongress der Erneuerung in Rom (Petersdom), nennt Papst Paul VI die Bewegung eine Chance für Kirche und Welt.

Bruce Jocum wurde dabei folgende Prophetie geschenkt:
„Ich habe Dich mit meiner Kraft gestärkt.
Ich will meine Kirche erneuern.
Ich will mein Volk zu einer neuen Einheit führen.
Ich fordere Dich auf: Wende Dich ab von unnützen Vergnügungen. Habe Zeit für mich. Ich möchte Euer Leben zutiefst verwandeln. Schaut auf mich.
Ich bin immer noch anwesend in meiner Kirche. Ein neuer Ruf ergeht an Euch.
Ich schaffe mir aufs Neue ein Heer aus Zeugen und führe mein Volk zusammen. Meine Kraft liegt auf ihm.
Sie werden meinen auserwählten Hirten folgen.
Wende Dich nicht von mir ab. Lass Dich von mir durchdringen.
Erfahre mein Leben, meinen Geist, meine Kraft.
Ich will die Welt befreien.
Ich habe damit begonnen, meine Kirche zu erneuern.
Ich will die Welt zur Freiheit führen."

Erinnerungen an die Anfänge

Viele Menschen, die die Anfänge der Katholischen Charismatischen Erneuerung 1967 betrachten, erinnern an das Gebet von Papst Johannes XXIII zu Beginn des zweiten Vatikanischen Konzils. Sie sehen die Charismatische Erneuerung als eine Gebetserhörung des Gebets des Heiligen Vaters um ein neues Pfingsten, das lautete:

'Erneuere in unserer Zeit Deine Pfingstwunder. Gewähre der heiligen Kirche, dass sie mit Maria, der Mutter Jesu, einmütig und inständig im Gebet ausharre und unter der Führung des heiligen Petrus das Reich des göttlichen Erlösers ausbreite, das Reich der Wahrheit und der Gerechtigkeit, das Reich der Liebe und des Friedens. Amen.'

Die Charismen heute

Patti Mansfield schreibt in ihrem Buch: "Seit dem Pfingstereignis, an dem die Kirche geboren wurde, war der Heilige Geist beständig am Werk." In allen Jahrhunderten hat der Herr große Heilige erstehen lassen, Männer und Frauen, die mit dem Heiligen Geist erfüllt waren und außerordentliche charismatische Gaben an den Tag legten.
Es gab auch in der Vergangenheit Gemeinschaften katholischer Gläubiger, die die Gegenwart des Heiligen Geistes in ihrer Mitte erfuhren, so wie in der frühen Kirche. Papst Johannes XXIII war sich dessen durchaus bewusst, als er den Heiligen Geist anflehte, Seine Zeichen und Wunder in unseren Tagen wieder sichtbar zu machen. Er wusste, dass eine lebendige Erfahrung von Pfingsten möglich ist. Er hatte es selbst miterlebt.
Als er noch Bischof Angelo Roncalli hieß, besuchte er ein kleines tschechoslowakisches Dorf von etwa 300 Einwohnern. In diesem Dorf hatten alle Katholiken über Jahrhunderte das ganze Spektrum der Gnadengaben erfahren, wie sie im ersten Korintherbrief genannt sind. Sie waren Teil ihres normalen christlichen Lebens - Pfingsten war tägliche Realität...

Weiterführende Literatur zu dem Thema: